Ralph Martin und Peter Wittig. Foto: Nilz Böhme

17.02.10: “Einen winzigen Augenblick mal aussteigen”

Premiere für "Der Mann der die Welt aß"

“Einen winzigen Augenblick mal aussteigen” – ein Wunsch, der über kurz oder lang, den einen häufiger als den anderen, aber letztendlich doch wohl jeden überfällt. Aussteigen – aus (selbst auferlegten oder übergestülpten) Zwängen, aus Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen (vor allem gegenüber anderen), aus dem Malstrom aus Arbeit, Privatleben, Reizüberflutung und den wieder daraus erwachsenden Zwängen.

Von diesem Wunsch getrieben ist die Hauptfigur in Nis-Momme Stockmanns “Der Mann der die Welt aß”. Er ist Mitte 30 und namenlos, könnte also eigentlich jeder von uns sein. Diese Nähe der Zuschauer zum Text ist es vor allem, die letztendlich betroffen macht: Man erkennt sich wieder, mindestens einige Denkmuster und Verhaltensweisen oder man kennt jemand, der ebenso denkt oder handelt wie “der Mann der die Welt aß”. Stockmanns Text ist klar, einfach, direkt, oft besteht er nur aus Satzfetzen, abgebrochenen Sätzen oder kurzen sprachlichen Schlaglichtern: “Du bist nicht mehr echt”, sagt die Hauptfigur zu seinem besten Freund Ulf – und sagt damit alles. “Ich bin so müde”, “Ich bin frei”, “Ich brauche meine Welt zurück” charakterisiert präzise die Gemütszustände des Namenlosen. Und wenn seine Ex-Frau Lisa von der “winzigen Spur von Mitleid” spricht, mit der sie als geschiedene Frau mit zwei Kindern von anderen angesehen wird, spricht auch das für sich. Stockmanns klare prägnante Sprache wird gestützt vom emotionalen Spiel der fünf Darsteller: Ralph Martin als Namenloser, Peter Wittig als sein dementer Vater, Martin Reik als Bruder Philipp, Susanne Krassa als Ex-Frau Lisa und Sebastian Reck als Freund Ulf. Nichts lenkt ab vom Spiel der Figuren, Ausstatterin Christiane Hercher schuf einen schwarzen Raum, der nur von Türen bestimmt wird. Auch Requisiten werden extrem sparsam genutzt, die Figuren stehen ganz klar im Vordergrund. Diese stecken allesamt in ihren Zwängen, doch nur einer von ihnen scheitert an ihnen und wagt den Ausbruch, der doch keiner ist und sein kann. Ralph Martin entwickelt mit spielerischer Präzision den psychischen Niedergang seiner Figur. Zu Stückbeginn noch etwas hölzern, abgeklärt und ziemlich frei von Emotionen jeglicher Art schafft es Martin im Laufe des Stückes sogar, seinen psychischen Kollaps physisch sichtbar zu machen. Pure Verzweiflung, Resignation, aber auch seine eigene Art von Liebe macht aus dem gebrochenen einen echten Menschen. Peter Wittig spielt den demenzkranken Vater auf eine Art, die den Zuschauer ständig zwischen Mitleid, Entsetzen und Belustigung schwanken lässt. Kindliche Unbekümmertheit wechselt mit tiefempfundener Scham und knallharter Realisation seines geistigen Zustandes. Trotz ständiger, teilweise sogar gewalttätiger, Demütigungen seines Sohnes betont er immer wieder seinen Vaterstolz. Am Ende bricht alles zusammen, der letzte Ausweg schwindet, als Bruder Phillip beim Joggen mit einem tödlichen Asthmaanfall ins Krankenhaus kommt. Auch diese Verantwortung lastet auf der Hauptfigur, denn wie alle anderen Menschen um sich herum hat er auch seinen Bruder vernachlässigt und dessen Krankheit nicht ernst genommen. Die Schuld wiegt zu schwer als dass er auch diese noch schultern könnte und so steigt er ein letztes Mal aus ... um dann gemeinsam mit Vater und Bruder den Weg ins Licht zu gehen. Zu den Gesängen des "Stabat Mater" und dem Versprechen des Vates: "Jetzt, mein Sohn, kommen bessere Zeiten".

KK

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