27.10.09: Farbattacke

"Blaue Stunde" für NPD-Stadtrat

Am heutigen Vormittag wurde der Magdeburger Student und NPD-Stadtratsmitglied Matthias Gärtner von fünf bisher unbekannten Vermummten attackiert. Der Student der Politikwissenschaften war auf dem Weg zu einem Vortrag, den er im Rahmen eines Seminars halten sollte. Auf der Treppe wurde er zunächst mit blauer Farbe übergossen und dann zusätzlich mit Reizgas angegriffen. Ein in unmittelbarer Nähe stehender 19-jähriger Student wurde ebenfalls von der Farbe getroffen. Im Weiteren wurde der Geschädigte durch die Täter zu Boden gerissen, dort geschlagen und getreten. Dann flüchteten die Täter. Der geschädigte Student wurde in einer Klinik ambulant behandelt. Die Ermittlungen der Polizei dauern an.

Bereits seit 2007 kandidiert Gärtner erfolglos für ein Amt im Studentenrat der Universität Magdeburg. Hier gelingt es den Studenten durch lautstarken Protest und gezielte Information, ihre Kommilitonen über das Ansinnen des Bundesschulungsleiters der JN zu informieren. "Studentische Interessen statt Politik" möchte er vertreten, doch die Inhalte seines Studentischen Wahlprogramms lesen sich wie eine Abschrift des Parteiprogramms der NPD. Auch in Seminaren der Politikwissenschaft fällt die dogmatische Propaganda des NPD-Mannes immer wieder auf und sorgt unter den Kommilitionen für regen Widerstand.

So auch am heutigen Dienstag, als Gärtner wohl gegen 9 Uhr das Gebäude der Universität Magdeburg in der Brandenburger Straße betrat, um mit einem Kommilitonen einen Vortrag im Rahmen eines Seminars zum Thema "Politische Sprachkritik: Nationalsozialismus, Rechtsradikalismus, Ausländerpolitik, Umweltpolitik" zu halten. Hierzu hatten sich ungewöhnlich viele Studenten im Hörsaal eingefunden, die der Veranstaltung beiwohnen wollten. Seminarteilnehmer gaben gegenüber dem Magdeburger Sonntag an, dass sich überraschend viele neue Gesichter zum Vortrag einfanden. Über 20 zusätzliche Personen, augenscheinlich nicht Politikstudenten waren im Raum versammelt. Doktor Reinhard Wesel, der das Seminar mit besagtem Vortrag hielt, gab seinen Studenten im Nachgang der Ereignisse zu bedenken: "Es ist keine Methode, Faschismus zu bekämpfen, indem man faschistische Methoden anwendet." Der gebürtige Bayer hatte gehofft, dass "es auch in Magdeburg möglich wäre, konstruktiv mit diesem Problem umzugehen". Doch die Täter vermutet er nicht im studentischen Umfeld, zumindest nicht in dem politisch aktiven, denn "ihnen müsste klar sein, dass sie damit mehr Schaden als Nutzen anrichten", so Wesel. "Es ist nicht meine Aufgabe, Studenten mit derlei politischer Gesinnung, die ich nicht teile, fern zu halten. Diese Aufgabe steht nur der Verwaltung zu. Für mich wäre spannender gewesen, wie ein solcher Geist zum Thema 'Die Sprache des Nationalsozialismus' referiert."

Doch fern hielten Gärtner fünf vermummte Angreifer. Sie fingen Gärtner auf dem Weg zur Veranstaltung ab. "Wir gehen von einer politischen Motivation in diesem Fall aus" so ein Sprecher der Magdeburger Polizeidirektion. Es werde mit einem Suchhund nach den Tätern gesucht. "Dies ist ein übliches Vorgehen bei Überfällen dieser Art", gab die Polizei weiter zu verstehen. Der Staatsschutz des Polizeireviers Magdeburg hat die Ermittlungen aufgenommen. Zu den Tätern ist bisher lediglich bekannt, dass diese ca. 25 Jahre alt sein sollen. Die Pressestelle der Universität sah sich zum jetzigen Zeitpunkt zu keiner Aussage in der Lage und verwies an die Pressestelle der Polizei.

Sören Herbst, selbst Stadtrat (Grüne) und Mitglied des Fachschaftsrates der Geisteswissenschaften, verurteilte das Vorgehen an diesem Tage scharf: "Dies ist für eine akademische Einrichtung unwürdig, da für Studenten eine gewaltsame Auseinandersetzung keine Lösung sein darf. Doch ich bezweifele, dass die Täter im studentischen Umfeld zu finden sind." Gärtner ist seit September 2009 auch im Stadtrat vertreten. Auch hier gab es massive Proteste aus der Bevölkerung über den Einzug des rechtsextremen Nachwuchspolitikers.

lf

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